»Lavendel und besorgte Bürger«


Eine Anekdote aus der Schwedter Sauna. Heute erlebt.

 

25.09.2015 DANIEL HEINZ

 

Bei den schwitzenden Männern mit denen ich mir die Erdsauna teile, „haben DIE doch alle die neuesten Klamotten. Und die teuersten Smartphones.“ Wir erwarten den Aufguss. Lavendel.

"Und dit wird noch schlimmer! Wenn DIE alle erstmal hier sind!“ sagt der mit der Halbglatze, die er mit einer Komplettrasur vertuscht. Indem er sich den Schweiß um den Wanst schmiert, setzte der nächste in der Runde nach: "Des hamma alles der Merkel zu verdanken." Sein sächsisch treibt mir die erste Schweissperle auf die Stirn.

 

Indes Auftritt des Servicepersonals. Eine junge Frau macht den Aufguss. "Ick seh ja schon die Schule brennen.", sagt die Halbglatze links neben mir. „Welsche Schule?“, der Sachse. „Na hier, die Notunterkunft für die janzen Flüchtlinge - det dauert nich mehr lang."

 

Aha, jetzt weiß ich, was die hier ausschwitzen. Ich überlege zu gehen. Doch die junge Frau vom Aufguss wedelt mir schon mit dem Fächer heiße Luft ins Gesicht. Ein paar Chauvie-Sprüche in ihre Richtung sind auch noch drin. „Na heiß wa?!“ und „Da kriegste Oberarme, wa?"

 

Jetzt wird's wirklich heiß. Von innen. Die Galle arbeitet auf Hochtouren und lässt schließlich ihr Gift unerwartet über meine Lippen versprühen: "Darf ich jetzt mal um Ruhe bitten.“ Und ja, genau dieser Wortlaut war es. Wie auf der Probe. Ein Haltet-die-Schnauze auf Diplomatisch. Entschlossen. Um Kollegialität bemüht. Und - ein Volltreffer. Besser, ein Steilpass für alles Kommende. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.

 

Was dann folgt, macht mich quasi zum Flüchtling der Stunde. Der Volkszorn bricht los. "Kannst ja rausgehen!", "Wir quatschten hier imma“ und „Die hab ick hier alle schon jesehn,..“ die Halbglatze zeigt auf seine Schwitzkumpanen „aber dich…“, er endet seinen Angriff mit einer flappsigen Handbewegung in meine Richtung und mustert meine Nacktheit. Jetzt Rechts von mir, fast mit sanfter Stimme: “Musste man zu de Fußballer in de Sauna kommen, da kriegste gleich eene uff die Schnauze.“ Ich suche die Augen des Fussballfans. Aber seine Brillengläser sind beschlagen.

 

Ich in die Runde: „Na über Fußball können Sie ja gerne reden, aber für den braunen rassistischen Scheiß habe ich kein Eintritt bezahlt.“ Echt? Wirklich? Hab ich das gesagt?

Nein. Leider. Fiel mir erst hinterher ein.

 

Aber als dann der zugezogene Sachse frech wird: "Kannst ja Montach in de Frauensauna gehen" erinnere ich mich an meine Sprecherzieherin, richte den Oberkörper auf, fixiere ihn und setze ein „Wie bitte?!" mit sonorem Nachdruck und Stütze in die Hütte. Stille.

 

Zwei Minuten können sehr lang sein. Vor allem bei 90 Grad. Der rechts von mir mit der sanften Stimme versucht's dann mit Bayern - und flüstert plötzlich: „5 zu 1 gegen Wolfsburg wa? Der Lewandowski ist nen Hammer!?“.

Ist der nicht Ausländer? - denke ich nur.

Keiner antwortet. Alle nicken nur und mustern mich.

 

Ich bin kurzzeitig sehr einsam. Die Situation gleicht einem Saloon im Western. Nur sind hier alle nackt. Keine Stiefel. Kein Staub. Keine Halfter. Keine Revolver. Kein Morricone. Aber die Blicke sind die Gleichen.

 

In dem Moment klappt der Fächer zusammen und die junge Frau vom Aufguss sagt „Dankeschön!“. Das Volk klatscht erleichtert Beifall für den Lavendel und unter Stöhnen und Grummeln gehen alle. Bis auf einen.

 

Die Halbglatze und ich bleiben zurück. Er und ich. Allein. Wir schwitzen das jetzt aus. Und wenn ich hier noch zehn Minuten sitze. Das wird hart.

 

Aber dann fallen mir ein paar Lied-Zeilen von „Freundeskreis“ aus den 90ern ein.

Als ich die Melodie zu pfeifen beginne, wirft er das Handtuch.

Die Halbglatze verlässt polternd die Sauna.

 

JA! Die dummen Parolen sind verstummt. Die Hetzer vom Platz gejagt. Der Weltfrieden hergestellt. Heldengefühle kamen auf.

War das schon Resistance? Sicher nicht. Aber Genugtuung.

 

In Siegesstimmung murmele ich jetzt den Liedtext vor mich hin:

An all' meine Niggas, Kanaken, Malagas, Polaken

Meine Mullahs, Mafiosi und Franzaken

An meine Paellas, PKK's, Schlitzaugen, Hakennasen

Kameltreiber, Ziegenhirten, Knoblauchfresser, Paprikas

Meine Terroristen, Kriminelle, Drogendealer

Parasiten, Asylbetrüger, Hütchenspieler

Blutsauger, Taugenichtse, Tagelöhner, Rumstreuner

Meine Zulukaffer und meine Zigeuner:

 

Lasst mich nicht alleine!

 

Copyright © 1999 - 2017  Alle Rechte vorbehalten.